4.12.2003: Brief aus Bolivien

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Geehrte Damen und Herren,
einen herzlichen Gruss aus dem Tropensommer mit hohen Temperaturen, mit viel Sonne, mit ganz wenig Regen, sodass wir schon bald von Trockenheit sprechen müssen. Ich darf Ihnen ein ganz herzliches Dankeswort schreiben für Ihre Spende, die mir über P. Anton Schönbächler, unserem Bolivienprokurator in Baden, zugekommen ist. Es freut mich sehr, dass diese Gabe durch die Missionsaktion von P. Fridli Günter zustande gekommen ist. Wir werden das Geld gerne in die Pfarrei San Borja einsetzen, wo ja P. Fridli jahrelang Pfarrer war und wo sich immer noch sehr viele Leute gerne an ihn erinnern, "... zu den Zeiten als ...". Vergelt's Gott für dieses Zeichen der Solidarität. Sicher haben Sie von der Gewalt und den Unruhen erfahren, die im Oktober dieses Jahres wie ein Sturmwind über Bolivien hinweggefegt sind, mit vielen Toten und Verletzten. Wir versuchen dieses Geschehen zu verarbeiten, zu deuten und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Es war eine Explosion von Gewalt, die unterschwellig schon lange Zeit gebrodelt hat und dann plötzlich zum Ausbruch kam. Das politische System war völlig unfähig, die Probleme Boliviens, die Armut, mehr Arbeitsplätze usw., anzupacken und Zeichen möglicher Lösungen zu geben. Das Parteienwesen entsprach nicht mehr einer wirklichen Volksvertretung sondern kreiste nur um sich selber, die Exekutive regierte am Volk vorbei und war beflissen den verschiedene Sektoren der Gesellschaft Scheinlösungen anzubieten, die sie mit Gewissheit nicht einhalten konnte. So hat dann der Verkauf der Gasvorkommnisse in Bolivien den äusseren Anlass gegeben zum unkontrollierten Aufstand des Volkes, der Sektoren. Mit diesem Aufstand ist praktisch ein politischer Zyklus zu Ende gegangen. Es ist positiv zu werten, dass es tatsächlich gelungen ist, den Regierungswechsel im demokratischen Rahmen zu vollziehen. Heute sind die Parteien völlig geschwächt und müssen sich neu orientieren. Die Regierung ist nicht an die Parlamentsparteien gebunden und somit sehr schwach und jeder Zeit verletzbar. Die relative Ruhe, die wir im Moment erleben, ist nicht gefestigt. Wann sich ein fundamentaler Wechsel vollziehen wird, das wissen wir nicht. Wir hoffen aber, dass Besonnenheit, Besinnung und Rückkehr zu echten politischen und gesellschaftlichen Grundwerten, die Zeichen einer neuen Epoche sein werden. Auf den Zeitpunkt, an dem diese Zeichen Wirklichkeit werden, möchte ich mich nicht festlegen. Diese Hoffnung auf bessere Zeiten für unsere Leute versuchen wir in der Adventszeit zu bereichern und zu verstärken. Schlussendlich ist unsere christliche Hoffnung getragen vom Mensch gewordenen Gott, der mit uns zusammen die Geschichte schreibt. Nochmals ein herzliches Vergelt's Gott an die ganze Kirchgemeinde und viel Gutes in diesen Weihnachtstagen und im neuen Jahr des Herrgott's reichen Segen.

Herzliche und dankbare Weihnachtsgrüsse, Ihr
Mons. Carlos Bürgler, Bischof von Reyes